Zum Tod von Volker Fischer
Text: Klaus Klemp

Ausstellungskatalog „Design heute“, Prestel, 1988, Credit: Thilo Schwer

Ausstellung „Design heute“ im Deutschen Architekturmuseum
Frankfurt am Main, 1988, Credit: DAM Deutsches Architekturmuseum

Reihe form Design-Klassiker, 1997 initiiert von Volker Fischer

„Jede Revolution endet in der Boutique.“ Volker Fischer, 1986

Das mit der Boutique war durchaus kritisch und ernst gemeint und bezog sich nicht zuletzt auf das Design und die kommerzielle Verflachung guter Ideen. In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre und in den ersten Jahren der 1990er-Jahre wurde Design jedenfalls heiterer und lustvoller, wenn auch nicht immer sinnvoller. Volker Fischer hat aber auch im scheinbar Oberflächlichen das Tiefgründige gesehen. Und eine Spaßgesellschaft konnte er ebenso kritisieren wie einen seelenlosen Architektur- und Design-Funktionalismus.

Ausgestattet mit brillantem Scharfsinn und einem fabelhaften Gedächtnis, hat er Texte geschrieben, ohne dabei auch nur einmal in ein anderes Buch schauen zu müssen. Das ging selbst im Urlaubscafé an der belgischen Nordseeküste. Dazu hat er aber an jedem Morgen in seinem Büro zwei Stunden die aktuellen internationalen Designzeitschriften studiert und abends zu Hause auch alle relevanten Bücher. Fischer kannte nicht nur die Fakten und Meinungen fast aller Autor*innen, sondern konnte auch seriös neuartige Zusammenhänge herstellen, die manches Mal mehr als überraschend waren. Besondere Freude hatte er am Erfinden oder Umdeuten von Wörtern, wie zum Beispiel „Mikroarchitektur“ für Tischgeschirr, bevor der Begriff für Computer gängig wurde. 

Design und Architektur hat er stets zusammen gedacht. Produktgestaltung war für ihn die kleine, aber unabdingbare Schwester der Architektur. Sein Interessenshorizont und sein Wissen waren breit. Ihm war kein Designer und keine Designerin, kein Architekt und keine Architektin, kein Designunternehmen und kein Designmuseum unbekannt. Er konnte stundenlang über Nanotechnologie und ihre Auswirkungen auf die Zukunft referieren oder eine lange Eröffnungsrede über das Thema Löcher halten. Es gab kaum etwas, worüber er nichts zu sagen wusste.

 

 

 

 

Volker Fischer war nicht der Apostel der Postmoderne, für den ihn manche hielten. Er hat den funktionskritischen Aufbruch der 1960er-Jahre als konstruktive Korrektur, ja letztlich als Revitalisierung der Moderne verstanden. Fischer, immer tadellos mit Schlips und Kragen gekleidet – und nachdem das Haar etwas schütterer wurde – mit Haarzopf, wie sein Held Ettore Sottsass, war den Konventionen aber auch durchaus abholt. Seine ausführlichen Reden bei Ausstellungseröffnungen pflegte er in Versform vorzutragen.

Nach einem Studium der Kunstpädagogik, Germanistik, Linguistik und Kunstgeschichte in Kassel und Marburg, wurde Volker Fischer 1979 mit einer umfangreichen Arbeit über Nostalgie promoviert. Es war damals die erste umfassende Arbeit zum Thema schlechthin. Nach einer kurzen Tätigkeit als Kulturreferent der Stadt Marburg, wurde er 1981 stellvertretender Direktor des in Gründung befindlichen, von Heinrich Klotz initiierten Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main. Seine neue Position katapultierte ihn von der eher überschaubaren Marburger Kulturszene schlagartig auf die große Bühne. Da stand auf einmal nicht mehr die Oberhessische Presse, sondern die New York Times vor der Tür und stellte Fragen. Er meisterte diese Herausforderung souverän. 

1988 konzipierte er mit der Ausstellung „Design heute“ nicht nur eine der ersten großen Designausstellungen der 1980er-Jahre in Deutschland, sondern popularisierte das Thema Design durch große Medienresonanz. Fraglos mit postmodernem Impetus, hatte diese, auch international Aufsehen erregende Ausstellung, auch Dieter Rams, dem Vertreter eines zurückhaltend funktionsorientierten Designs, breiten Raum eingeräumt. 1994 wechselte Fischer mit der von ihm aufgebauten Designsammlung vom Architekturmuseum ins Museum Angewandte Kunst Frankfurt, damals noch Museum für Kunsthandwerk, und begründete dort die Designabteilung. Dies führte das Museum auf seine Wurzeln zurück, denn bei der Gründung 1877 ging es nicht so sehr um Kunsthandwerk, sondern um mustergültige Gebrauchsgegenstände. Wie die meisten vergleichbaren Kunstgewerbemuseen der Gründerzeit tendierte auch das Frankfurter Museum im Laufe der Jahrzehnte immer mehr zum Kunsthandwerk aller Zeiten und Orte. Daher war die zunächst kleine Designabteilung, die heute wieder eine selbstverständliche Rolle im Museum spielt, eine Art Wiederbelebung des Ursprungsgedankens. 

 

 

 

 

Ein schmales Hinterhaus in Frankfurt-Sachsenhausen ließ er mit den Architekten Berghof/Landes/Rang zu einem Wohnhaus für sich und seine Familie umbauen. Es war intelligente postmoderne Umbauarbeit im Bestand, sozusagen die Praxis zur Theorie. Ganz oben, verglast nach allen Seiten, war das Arbeitszimmer des Vielschreibers mit Blick über die Stadt. Richtiger: des Vieldiktierers, denn Volker Fischer hat seine Texte fast nie von Hand geschrieben, sondern ins Diktiergerät gesprochen. Das ging schneller und war nötig, um seinen sprudelnden Gedankengängen in adäquater Geschwindigkeit nachzukommen.  

Volker Fischer war nicht nur Autor, sondern auch Initiator und Herausgeber wichtiger Publikationen, wie den „Design Klassikern“ im Verlag form seit 1998, die zurzeit teilweise neu editiert werden. Unverzichtbar bis heute ist für Designstudierende sein Quellenband „Theorien der Gestaltung“, den er 1999 zusammen mit Anne Hamilton herausgegeben hat und der die wichtigsten Texte zur Designtheorie des 19. und 20. Jahrhunderts beinhaltet. Viele weitere Bücher und Aufsätze müssten hier aufgeführt werden.

 

 

 

Ebenso war Fischer einer der Initiatoren der Veranstaltungs- und Ausstellungsreihe „Designhorizonte“, die seit 1989 für einige Jahre in Frankfurt zur Herbstmesse stattfanden und zu einem soliden Netzwerk von Designer*innen, Unternehmen, Autor*innen und Kurator*innen wurden. 2008 war er Gründungsmitglied der Gesellschaft für Designgeschichte.

Nicht unerwähnt darf auch seine Lehrtätigkeit an der HfG Offenbach bleiben, an der er als langjähriger Lehrbeauftragter und, seit 1992 als Honorarprofessor, über viele Jahre Designgeschichte und Designtheorie unterrichtete. 

In den letzten Jahren zog sich Volker Fischer immer mehr zurück – leider. Er hat als Kultur- und Designwissenschaftler und als Designkritiker intelligent und kenntnisreich Dinge bewegt und auf den Punkt gebracht. Viele neue Positionen zum Design hat er mit scharfer Klinge bekannt gemacht und leidenschaftlich dafür gestritten. Am 27. November 2020 ist Volker Fischer verstorben. Jemand wie er fehlt.

Artikel im AIT 9.2020:
Design Classics Series

Archive

Artikel im Frankfurter Allgemeine Magazin vom 11.01.2020:
Was man über Türklinken wissen kann

Ausstellung: Die Türklinke FSB 1144 von Jasper Morrison + Begreifbare Baukunst Talk mit Jasmin Jouhar und Axel Kufus

Im Herbst 2019 erschien eine neue Ausgabe in der Reihe form Designklassiker: Die Türklinke FSB 1144 von Jasper Morrison. Zur Eröffnung der hierzu konzipierten Ausstellung und einem Gespräch mit dem Berliner Designer Axel Kufus, lädt FSB Freunde und Fans dieses Klassikers in das MAKK nach Köln ein. Mit der Autorin Jasmin Jouhar diskutiert Prof. Axel Kufus über die Rolle die der britische Designer in dessen Berliner Jahren im Kontext des Neuen Deutschen Design gespielt hat.

 

Der zweite Teil der Ausstellung mit dem Titel „Begreifbare Baukunst – Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur“ beleuchtet das Miteinander von Architektur und Türklinke ausgehend von Karl Friedrich Schinkel bis David Chipperfield.

Wo MAKK Museum für Angewandte Kunst, Köln

Ausstellungseröffnung Dienstag, 14. Januar 2020, 19:00 Uhr

Ausstellungsdauer 13.01.2020–09.02.2020

Programm des Abends
Begrüßung: Wolfgang Reul | FSB

Einführung: Wolfgang Reul mit Fragen an Barbara Glasner | Herausgeberin
form Design Classics
Talk: Jasmin Jouhar | Autorin, im Gespräch mit Prof. Axel Kufus | UdK Berlin
Danach Aperitivo und Networking

 

Die Teilnehmerzahl der Ausstellungseröffnung ist begrenzt, zeitnahe Anmeldung ist empfehlenswert unter www.fsb.de/events/makk

Hier gibts die Einladungskarte als PDF

Book Release: Door Handle FSB 1144 by Jasper Morrison at DAM

Join FSB and Verlag form for the book release of form Design Classic “Door Handle FSB 1144 by Jasper Morrison” followed by a talk with author Jasmin Jouhar and Axel Kufus, professor at Berlin University of Arts. 

Where Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt

When  17 October 2019 at 6.30 p.m.

Programme of the evening
Welcome: Dr. Annette Becker | DAM, Frankfurt/Main
Introduction: Barbara Glasner | Publisher form Design Classics and 
Wolfgang Reul | Franz Schneider Brakel
Talk: Jasmin Jouhar | Author in conversation with Prof. Axel Kufus | UdK Berlin
Afterwards get-together with snacks and drinks

Book Release: Clic System by Burkhardt Leitner Modular Spaces at Frankfurt Book Fair

You can browse through design history and get a first glimpse at our two new releases of the form Design Classics Series “Clic System by Burkhardt Leitner Modular Spaces”, and “Door Handle FSB 1144 by Jasper Morrison” at our booth

 

Where Messe Frankfurt, The Arts+, Hall 4.1, Booth N92

When  16–20 October 2019

form Events during Frankfurt Book Fair
Wednesday at 5 p.m. form Talk with Ladies, Wine & Design x nuuna at our booth

Thursday at 6.30 p.m. Book Release FSB x form at DAM
Friday at 5 p.m. Booth Party

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form Design Classics 

Verlag form GmbH & Co. KG

Sophienstraße 26

D-60487 Frankfurt/Main

Publisher form Design Classics Series

Barbara Glasner

barbara.glasner@form.de

T +49 69 153 269 449
F +49 69 153 269 431

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